ZWEI-Serie, Teil II: „Bi heißt beides“

(Teil I)

„Zwei“ heißt bei bi eigentlich “beides”: homo und hetero. Gleich und verschieden. Für viele Menschen steht eine heterosexuelle Frau auf Männer, ein homosexueller Mann auch. Geschlechter werden also mit allen sexuellen Orientierungen verknüpft, auch mit pansexuell im Sinne von “alle”. Bi kann aber auch “alle” heißen oder eine dritte Kategorie von Geschlecht einschließen.

Das liegt am Präfix „bi“ selbst, das mehr als eine Bedeutung hat, und zwar „zwei“, „doppelt“ und „beides“. Eine simple Gleichung von 2 = 2 funktioniert hier einfach nicht. 

Dazu kommt, dass Geschlecht ein sehr komplexes Konzept ist, das mehrere Dimensionen hat, die verschiedenen Menschen unterschiedlich viel bedeuten.

Mit dem Argument „Bi heißt zwei“ werden Bisexualität und Geschlecht auf eine kalte nackte Zahl reduziert. Man versucht etwas einzugrenzen, in zwei getrennte, eindimensionale Bereiche ohne Überschneidung, ohne Lila…Warum sollte ausgerechnet Bisexuellen so etwas gefallen?

Nehmen wir mal die einfachste und (im deutschsprachigen Raum) vielleicht bekannteste Definition von Bisexualität:

Die Anziehung zu Männer und Frauen

Oder so etwas in der Art. Warum ist das nicht binär? Deshalb: Die Betonung bei jeder noch so schlichten Definition von Bisexualität liegt auf dem Wort “und”, nicht auf dem Wort “oder”.

Einfach gesagt: Die Zwei in „binär“ ist eine ganz andere Art von Zwei als die in „bisexuell“. 0 oder 1, das ist ein binärer Code. Eine Reihe von Nullen oder Einsen. Mit der einen oder anderen anderen Null war ich tatsächlich schon zusammen, aber in der Regel sind Beziehungen bzw. Menschen nicht so schwarz-weiß 😉

Wir sind alle keine Roboter, in Binärcode programmiert, sondern komplexe, organische Lebewesen – genau wie unsere Partner_innen. 

Oder am einfachsten gesagt: Bisexuell ist nicht dasselbe wie binärsexuell.

Der angebliche Konflikt zwischen Bisexualität als Begriff und nicht-binären Geschlechtern (im weitesten Sinne) ist meiner Meinung nach völlig unnötig, konstruiert und unkonstruktiv. Er sollte unbedingt dekonstruiert werden!

Als kleines Hilfsmittel könnte dieser Comic dienen, geschrieben von einer nicht-binären Person, die bisexuell ist und darüber spricht, wie wunderbar diese beiden Label zusammen passen.

Es wirkt auf mich fast so, als ob würden die “Kritiker” des Wortes Bisexualität dasselbe binäre Denkmuster, das sie ablehnen, auf Bisexualität projizieren bzw. unterstellen, dass andere das tun würden. Die Verwendung des Wortes Bisexualität würde dann quasi die Existenz nicht-binärer Personen in Frage stellen. Eine absurde Schlussfolgerung, nicht nur aus bisexueller Perspektive.

Es würde mich extrem wundern, wenn zum Beispiel vorm Bundesverfassungsgericht Bisexualität in irgendeiner Form als “Beweis” gegen die Dritte Option angeführt worden wäre.

Andersherum gibt es absolut keine Hinweise für eine besondere Engstirnigkeit von Bisexuellen (als Gruppe) gegenüber androgynen, nicht-binären, genderqueeren und/oder intergeschlechtlichen Menschen. Eher im Gegenteil.

Wenn wir weniger binäres Denken wollen (statt mehr), sollten wir Solidarität gegenüber Bisexuellen zeigen. Zum Einen fallen einige von ihnen selbst in nicht-binäre Geschlechtskategorien. Zum Anderen teilen diese beiden queeren Gruppen ein zentrales Problem: die Unsichtbarkeit in einer schwarz-weiß-gemalten Welt.

Dieser Post wird sehr lang, aber zum Abschluss noch ein Beispiel dafür, was passiert, wenn man ironischerweise dem Wort Bisexualität einen schwarz-weißen Anstrich verpasst:

Auf einem lockeren Orga-Treffen von kwiergetanzt, der neuen queeren Party-Reihe von Mainz, wurde ich im Spätsommer 2017 gefragt, ob die Bi-Flagge denn schwarz-weiß wäre. Die betreffende Person war überrascht, dass es überhaupt eine Flagge für Bisexualität gibt. Sekunden vorher hatte sie noch enthusiastisch dem Aufhängen einer Trans*-Flagge auf der nächsten Party zugestimmt. Aber eine Bi-Flagge? Dieser Vorschlag löste eine negative Reaktion aus, was für mich zu diesem Zeitpunkt echt wie aus dem Nichts kam. Niemand um mich herum folgte noch der Unterhaltung oder wurde hellhörig. Ein anderes Thema war längst in den Vordergrund gerückt.

Dieser kleine „Vorfall“ passt eigentlich gar nicht ins Konzept von kwiergetanzt (oder von allen anderen queeren Gruppen, die ich kenne). Das war bestimmt nicht so gemeint, sagte mir jemand. Ich sollte einfach noch einmal nachfragen.

Auf Nachfrage kam ein ganzer Schwall ignoranter Aussagen, wie „ich kann mir vorstellen, mich von dem Wort Bisexualität diskriminiert zu fühlen, wenn ich inter[geschlechtlich] wäre“, und dass Bisexualität „halt ein umstrittener Begriff in der queeren Szene“ sei, auch wegen Trans*personen. Ihre Kommentare auf dem Treffen waren offenbar nur die Spitze des Eisberges.

Das Jahr ist jetzt fast vorbei und das kwiergetanzt-Kollektiv hat immer noch nichts konkretes gegen die interne Biphobie unternommen. Mir wurde nahegelegt, das selbst unter Vier-Augen zu klären.

Das Ergebnis des Gesprächs: Keines. Denn in der Welt einer biphoben Person bin ich nur der Tropfen auf den heißen Stein (#bisexualtears). Schließlich bin ich die einzige, die etwas anderes behauptet als das bereits „Gewusste“. Warum sollte sie mir glauben und nicht sich selbst und allen anderen, inklusive all denjenigen, die nichts sagen und damit still (wenn auch unbeabsichtigt) ihre Zustimmung geben?

Meine Hoffnung ist, dass ich mich in dieser Sache bald nicht mehr wie eine “Stimme in der Wildnis” fühlen werde, und der sichere Raum, den queere Gruppen bieten wollen, konsequent auf Bisexuelle ausgeweitet wird.

Mit diesem Gedanken im Kopf wünsche ich Euch einen guten Start ins Jahr 2018 und bis zum nächsten Mal! 😉

(Teil III)

(Binäres Bild)

2 Kommentare zu „ZWEI-Serie, Teil II: „Bi heißt beides“

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